Anton Löffel
«Mehr Bewusstsein kann einen Unterschied machen»
Im November 2021 kam es bei Anton Löffel nach einer geplanten Operation zu einer Sepsis und er lag viele Wochen auf der Intensivstation. Heute teilt er seine Geschichte, um Wissen weiterzugeben und andere zu unterstützen.
Anton Löffel stand mitten im Leben, als er im Herbst 2021 für eine geplante Refluxoperation, einen operativen Eingriff gegen starken Säurerückfluss aus dem Magen, ins Spital ging. Er war beruflich engagiert, sportlich aktiv und mittendrin. «Es war bereits meine dritte Operation, weil mir immer wieder Magensäure in die Speiseröhre zurückfloss. Zudem stand mein Zwerchfell recht hoch, was zu Druck auf die Lunge führte und dort Schmerzen verursachte», erzählt der heute 61-Jährige. Nichts deutete im Vorfeld darauf hin, dass der Eingriff der Beginn einer lebensbedrohlichen Krise sein würde. Nach dem Eingriff wurde er vorsorglich auf die Überwachungsstation verlegt, da er bereits 1991 nach der ersten Refluxoperation eine Lungenembolie erlitten hatte, verursacht durch einen Blutklumpen in einem Lungengefäss. «Auf der Station konnte ich noch mit meiner Frau telefonieren. Noch während des Anrufs verlor ich plötzlich mein Bewusstsein.»
Anton Löffels Gesundheitszustand verschlechterte sich zusehends und wurde so kritisch, dass er rund 24 Stunden nach der Operation auf die Intensivstation verlegt werden musste. Was passiert war: Durch eine Komplikation kam es nach der Operation zu einer Sepsis. Aufgrund seines instabilen Zustands war genauere Untersuchung mit bildgebenden Verfahren erst nach drei Tagen möglich. «Es zeigte sich, dass die Naht im Operationsbereich zwischen Speiseröhre und Magen undicht war», schildert er. Um dieses Leck von innen abzudichten, wurde ein Stent, ein kleines Röhrchen aus feinem Drahtgeflecht, eingesetzt. «Damals wusste niemand, ob ich überhaupt überleben würde.»
Erinnerungen zwischen Realität und Traum
Anton Löffel litt neun Wochen lang an einem schweren Delir. Dabei handelt es sich um eine globale, funktionelle Störung des Gehirns mit plötzlichem Beginn und schwankendem Verlauf, bei der Bewusstsein, Aufmerksamkeit, Denken, Gedächtnis und der Schlaf-Wach-Rhythmus gestört sind. Betroffene wirken verwirrt, sehr unruhig oder auffallend ruhig. Aus dieser Phase sind Löffel nur einzelne Fragmente der Erinnerung geblieben. Dazu zählen einzelne Pflegesituationen wie Haarewaschen, Zähneputzen oder Sprechtests, die Hände des Pflegepersonals, Stimmen und diffuse Bilder. Vieles andere ist aus seinem Gedächtnis verschwunden.
Während dieses Zustands verschwammen Realität und innere Bilder. Er träumte häufig von seiner Frau und nahm auch wahr, wenn sie ihn besuchte oder wieder ging. War sie nicht da, empfand er eine tiefe Einsamkeit. «Diese Einsamkeit war für mich belastender als jede medizinische Behandlung.» Er hatte zudem bedrohliche und angsteinflössende Träume, in denen er gegen andere Menschen kämpfen musste. In einem Social-Media-Beitrag schreibt er: «Ich erinnere mich nicht an den Beginn meiner Sepsis, aber sehr wohl an den langen Kampf danach.» Reale Eindrücke aus seiner Umgebung, wie etwa das Verabreichen neuer Infusionen oder das Piepsen und Alarme von Geräten anderer Patienten, vermischten sich mit seinen Träumen und lösten bei ihm starke Nervosität und Unruhe aus. Lange Zeit war ungewiss, ob er nach dieser Zeit wieder sprechen würde. Entgegen allen Befürchtungen begann er nach dem Delir jedoch sofort zu reden und berichtete ausführlich von seinen Erlebnissen, die für viele seiner Mitmenschen meist nur schwer nachvollziehbar waren.
Was ist Sepsis?
Sepsis ist ein lebensbedrohlicher Notfall, der entsteht, wenn die körpereigene Abwehrreaktion auf eine Infektion das eigene Gewebe und die Organe schädigt. Ohne frühzeitige Erkennung und Behandlung kann sie rasch fortschreiten, zu Organversagen und septischem Schock führen und tödlich enden. Weltweit zählt Sepsis zu den häufigsten Ursachen vermeidbarer Sterblichkeit und Morbidität.
Was bleibt und wie es weitergeht
Vor seiner Erfahrung hatte Anton Löffel noch nie von Sepsis gehört. «Als ich wieder klar war, habe ich mich sehr schnell über die Thematik informiert und den Kontakt mit der Sepsis-Stiftung Deutschland gesucht», erzählt er. Erst in der siebenwöchigen Rehabilitation begann er zu verstehen, was geschehen war.
Die Folgen der Sepsis waren massiv. Während der Zeit auf der Intensivstation hatte er einen grossen Teil seiner Muskelkraft verloren und er musste erst wieder laufen lernen. «Die Ärzte hätten nicht gedacht, dass ich jemals wieder laufen kann.» Er war sehr aktiv und hat alle Sportangebote genutzt. Die psychologische Betreuung nahm er damals kaum in Anspruch, was er heute etwas bereut. «Mein Fokus lag darauf, möglichst schnell wieder auf die Beine zu kommen.» Seinen Kopf habe man nicht genauer untersucht. Die kognitiven Folgen, wie Konzentrationsstörungen, haben sich erst später gezeigt.
Anfangs litt Anton Löffel unter starken Schmerzen in Armen und Händen. Bis heute sind seine Fingerspitzen taub. Seine körperliche Leistungsfähigkeit ist durch das eingeschränkte Lungenvolumen deutlich reduziert, zudem ist seine Verdauung beeinträchtigt, und Essen wie auch Schlucken bereiten ihm Schmerzen. All diese Einschränkungen prägen seinen Alltag bis heute so stark, dass er nicht arbeiten kann und eine Rente der Invalidenversicherung (IV) beziehen muss. «Die Nachsorge nach einer Sepsis ist mindestens genauso wichtig, wenn nicht das Wichtigste», sagt er rückblickend. Besonders schwierig sei für ihn dabei auch, dass man ihm die Spätfolgen der Sepsis von aussen nicht ansehe.
Trotz all seinen Beeinträchtigungen richtet Anton Löffel den Blick nach vorne. Er trainiert eine Eishockeymannschaft, kocht leidenschaftlich und unterstützt seine Frau so gut wie möglich im Haushalt, auch wenn er im Alltag regelmässig Pausen einlegen muss. Zudem übt er Gitarre, um seine Feinmotorik zu trainieren. Er betont: «Ich finde es ganz wichtig, dass man positiv ist und den Fokus auf das Machbare legt.»
Von persönlichem Schicksal zu öffentlichem Interesse
Anton Löffel nutzt seine Erfahrungen mit Sepsis heute bewusst, um andere zu unterstützen. Er hält Vorträge in Spitälern und Pflegefachschulen, berichtet von seinem Weg und trägt dazu bei, Wissen über Sepsis zu verbreiten und die frühzeitige Erkennung dieser Gefahr zu fördern. Damit stösst er auf grosses Interesse.
«Es ist wichtig, offen über Sepsis zu sprechen, Erfahrungen zu teilen und Informationen weiterzugeben. Nur so kann geholfen werden», sagt er. Sepsis solle stärker ins Bewusstsein rücken, nicht nur im medizinischen Umfeld, sondern auch in der Gesellschaft. Anton Löffel möchte der Sepsis ein Gesicht geben und ehrlich über Angst, Hoffnung, Rückschläge und Fortschritte sprechen. «Wenn mehr Menschen daran denken, kann das Leben retten.»