Heike Spreter-Krick
«Man sieht es mir nicht an»
Heike Spreter-Krick erlitt im Sommer 2021 auf einer Alp in den Urner Bergen eine lebensbedrohliche Sepsis. Die Deutsche lebt bis heute mit den Folgen und engagiert sich für eine breitere Aufklärung und eine bessere Nachsorge von Betroffenen.
2021 arbeitete Heike Spreter-Krick als Verkaufsleiterin eines Oktoberfestzelts in München. Während der Pandemie fiel der Anlass aus und sie war zu 100 Prozent in Kurzarbeit. «Ich bin ein Powermensch: Gar nichts tun, hat mich verrückt gemacht.» Sie kündigte und suchte eine Aufgabe mit Sinn und geringem Ansteckungsrisiko.
Die Bergliebhaberin hatte schon mehrfach auf Alpen gearbeitet. Im Juli 2021 zog sie erneut für den Sommer auf eine Alp auf 1800 Metern in den Urner Bergen, wo ihre Aufgabe das Käsen war. «Ich dachte: Da oben bin ich sicher. Kaum Menschen, wenig Ansteckungsgefahr.» Das Wetter war nass und kalt, eine Erkältung schien fast unvermeidlich.
Seit ihrer Jugend wusste sie, dass sie etwas anfälliger für Infekte war: Mit 16 Jahren hatte sie wegen einer Krebserkrankung ihre Milz verloren. «Ich habe 35 Jahre lang gut ohne Milz gelebt.»
Vom Unwohlsein zum Notfall
Nach vier Wochen auf der Alp bekam Spreter-Krick eines Donnerstagmorgens plötzlich extreme Schluckbeschwerden. «Der Schmerz war so heftig, dass ich mir wünschte, den Schluckreflex ausschalten zu können.» In der Nacht folgte starker Schüttelfrost, etwas, das sie noch nie so erlebt hatte. Trotz Holzofen, Wärmflasche und mehreren Decken fror sie durchgehend und lag nur noch im Bett.
Am Samstag versuchte sie aufzustehen, etwas zu essen, zu trinken und Holz nachzulegen. Doch plötzlich begannen starke Schmerzen im linken Oberarm, und ihr linkes Bein trug sie nicht mehr. «Ich bin auf allen vieren in die Nachbarstube gekrochen, um Holz zu holen», erzählt sie. «Aber ich habe es nicht geschafft. Ich bin zurück ins Bett gerobbt und ab da weiss ich nichts mehr.»
Als Spreter-Krick nicht mehr reagierte, alarmierte der Bauer die Rega. Die Rettungskräfte fanden sie verwirrt und nicht ansprechbar. Ihr Notfallordner, den sie immer dabei hat, wurde im Trubel nicht gefunden. Die Rega-Ärztin meldete sie mit Verdacht auf Sepsis im Spital Luzern an. Ihr Mann reiste sofort aus Deutschland an. Als er eintraf, lag sie bereits auf der Intensivstation.
Knapp der Amputation entkommen
Die Untersuchungen zeigten eine Streptokokken-Sepsis. Die Bakterien sind in den Blutkreislauf gelangt und hatten sich auf den Herzklappen angesiedelt. Zudem erlitt Spreter-Krick mehrere Schlaganfälle und an ihren Füssen hatten sich abgestorbene Gewebestellen gebildet. „Mir wurde später gesagt, dass das Behandlungsteam am darauffolgenden Montag überlegt hatte, beide Unterschenkel zu amputieren, was ich glücklicherweise kaum mitbekommen hatte“, sagt Spreter-Krick.
Insgesamt fünf Tage verbrachte sie auf der Intensivstation, danach fünf Wochen auf der kardiologischen Station. Drei Mal musste sie an ihren Füssen und Knien operiert werden, um infizierte Flüssigkeiten zu entfernen. Danach folgten zwei Wochen in einer Klinik in München und anschliessend eine mehr als sieben Wochen dauernde Rehabilitation. Während dieser Zeit lernte sie wieder selber zu gehen und arbeitete an ihrer Kraft.
Was ist Sepsis?
Sepsis ist ein lebensbedrohlicher Notfall, der entsteht, wenn die körpereigene Abwehrreaktion auf eine Infektion das eigene Gewebe und die Organe schädigt. Ohne frühzeitige Erkennung und Behandlung kann sie rasch fortschreiten, zu Organversagen und septischem Schock führen und tödlich enden. Weltweit zählt Sepsis zu den häufigsten Ursachen vermeidbarer Sterblichkeit und Morbidität.
Ein Alltag mit unsichtbaren Grenzen
Viele Folgen der Sepsis begleiten Heike Spreter-Krick bis heute. Ihre Herzfunktion ist reduziert, in den Füssen spürt sie Schmerzen, Taubheit und Sensibilitätsstörungen, und am linken kleinen Zeh fehlt eine Kuppe. «Ich bin dankbar, dass meine Beine erhalten werden konnten.» Eine Nervenschädigung (Polyneuropathie) und eine Muskellähmung im linken Oberschenkel erschweren das Gehen und Treppensteigen. Die Schlaganfälle führten zu Konzentrations- und Gedächtnisprobleme. «Man sieht es mir nicht an», sagt die frühere Marketingleiterin. «Dadurch habe ich oft das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen.»
Die Folgen bleiben lebenslang
Zu den körperlichen Einschränkungen kommt die ständige Angst vor Infektionen in Alltagssituationen, wodurch sich das soziale Umfeld einschränkt. «Die Akutphase ist vorbei, aber die Folgen bleiben lebenslang.» Auch beruflich hat sich vieles verändert. Spreter-Krick kann nicht mehr arbeiten und muss in Deutschland eine Rente wegen eingeschränkter Arbeitsfähigkeit (Erwerbsminderungsrente) beantragen. «Ich war mein Leben lang ein Powermensch. Nach der Sepsis habe ich gemerkt, wie sehr sie mich zurückgeworfen hat – körperlich, psychisch, finanziell.»
Halt findet sie bei ihrem Mann und ihrer Familie. Während ihres Spitalaufenthalts in Luzern sah Spreter-Krick täglich den Pilatus aus dem Fenster. «Ich sagte zu meinem Mann: In einem Jahr fahren wir da hoch.» Ein Jahr später taten sie genau das und sie flogen sogar mit dem Gleitschirm ins Tal. «Es war ein tolles Gefühl». Ihr neues Ziel: irgendwann wieder selbst einen Berg zu Fuss zu besteigen.
Engagement für Betroffene
Vor ihrer Erkrankung kannte Spreter-Krick den Begriff Sepsis kaum. Obwohl sie wegen ihrer fehlenden Milz, einer sogenannten Asplenie, einen speziellen Notfallpass hatte, war ihr nicht bewusst, wie stark ihr Risiko erhöht war. «Manchmal frage ich mich, ob ich anders gehandelt hätte, wenn ich das gewusst hätte.»
Nach ihrer Genesung schrieb die Macherin das Buch «Überlebenskampf Sepsis», um ihre Erfahrungen zu verarbeiten. Die Website, die sie dafür eingerichtet hatte, wurde zu einer Informationsseite mit Empfehlungen für Betroffene und Angehörige. Daraus entstand der Sepsishelden-Club, ein geschützter Raum für Austausch und gegenseitige Unterstützung von Sepsis-Betroffenen und künftig fachlich begleitet durch einen Intensivmediziner, der die Qualität der Inhalte unterstützt, jedoch nicht therapeutisch oder beratend tätig ist.
Über dieses Engagement lernte Heike Spreter-Krick Mariah McKimbrough von der deutschen Sepsis-Stiftung kennen. Gemeinsam starteten sie im September den Podcast «Aftershock – still aLive» und gründeten den Förderverein «Team Stop Sepsis e.V.», der Aufklärung und Nachsorge stärken will. «Je bekannter Sepsis ist, desto eher wird sie erkannt und desto mehr Leid können wir verhindern.»
Text: Andrina Sarott
Foto: Marion Vogel