Georg Sigrist
« Musik hat mir geholfen, ins Leben zurückzufinden »
Mit 72 Jahren erkrankte Georg Sigrist an einer Sepsis. Was zunächst wie eine Grippe wirkte, verschlechterte sich innerhalb weniger Tage dramatisch. Entscheidend war, dass seine Frau, der Hausarzt und später das Spital rasch handelten.
An einem Mittwochabend im Januar 2018 wurde Georg Sigrist krank. Ihm war übel, er musste erbrechen. Weil gerade eine Grippewelle umging, dachte er zunächst an einen Infekt und legte sich ins Bett. Doch der pensionierte Bauingenieur merkte schnell: Diesmal war es anders. «Statt zu schwitzen, bekam ich Schüttelfrost, wie ich es noch nie erlebt hatte», erzählt er. «Mein Bett, das ich vor unserer Hochzeit selbst gezimmert hatte, zitterte so heftig, dass meine Frau Angst hatte, es könnte zusammenbrechen.»
Am nächsten Tag kamen hohes Fieber und starke Schmerzen dazu, vom Nacken bis in beide Schultern. Georg Sigrist war geschwächt, stürzte sogar. Doch was er erlebte, konnte er zunächst nicht einordnen. Am Samstag ging es ihm so schlecht, dass seine Frau den Notruf wählte. Dort hiess es, es handle sich vermutlich um eine Grippe. Aber sein Zustand besserte sich nicht. Im Gegenteil: Die Schmerzen nahmen zu, Schlaf war kaum noch möglich. Tag für Tag verlor er mehr Kraft. Am Sonntag war er kaum noch ansprechbar. «Ich war nicht mehr ich selbst», sagt er. «Ich konnte nicht mehr klar denken.»
Früh am Montagmorgen fuhr ihn seine Frau zum Hausarzt. Dort wurde Blut abgenommen, die Probe ins Labor geschickt. Ein neuer Termin wurde für Mittwoch angesetzt. Doch so lange liess sich nicht warten. Schon am Dienstag verschlechterte sich sein Zustand erneut massiv. Wieder in der Praxis zeigten die Laborwerte: Jetzt musste alles schnell gehen. Georg Sigrist musste sofort ins Spital. «Meine Frau fuhr mich direkt hin», erinnert er sich.
Plötzlich Notfall
Im Spital nahm er die Situation nur noch wie durch einen Schleier wahr. «Es war wie in einem Traum», erzählt Georg Sigrist. «Ich dachte einfach: Die kriegen mich schon wieder hin.» Es folgten zahlreiche Untersuchungen, bis klar war, was hinter der rasanten Verschlechterung steckte: Georg Sigrist hatte eine Sepsis, ausgelöst durch das Darmbakterium Escherichia coli. E. coli kommt natürlicherweise im menschlichen Darm vor, kann ausserhalb davon jedoch schwere Infektionen verursachen. Der genaue Ursprung der Infektion blieb unklar. «Bei der MRI-Untersuchung hörte ich das erste Mal das Wort Sepsis. Ich wusste nicht, was das ist.» Georg Sigrist wurde sofort behandelt und blieb zwei Wochen im Spital. Weil sich sein Zustand bald stabilisierte, entging er der Intensivstation, wurde aber rund um die Uhr überwacht.
Was Georg Sigrist im Spital trug, war Musik. Seine Frau brachte ihm einen CD-Player und Konzertaufnahmen, auf denen er selbst Saxofon spielte. Er hörte Mozart, Vivaldi, Bach. Stundenlang, immer wieder. «Mein einziger Wunsch war es, wieder Saxofon spielen zu können», sagt er. In der Musik fand er nicht nur Ablenkung, sondern einen Anker. Sie erinnerte ihn an das Leben, das noch auf ihn wartete, und wurde zu einem stillen Versprechen an sich selbst, den Weg zurückzuschaffen.
Beim Austritt sagte Georg Sigrist, es sei wohl schon fünf vor zwölf gewesen, als er ins Spital kam. Die Ärztin erwiderte mit einem Satz, den er nie vergessen würde: «Es war eher fünf nach zwölf. Sie hätten eine Woche früher kommen sollen.» Erst in diesem Moment begriff er, wie ernst die Lage tatsächlich gewesen war.
Rückkehr ins Leben
Mit dem Spitalaustritt war die Geschichte jedoch nicht vorbei. Während weiterer drei Wochen erhielt Georg Sigrist ambulant Antibiotika-Infusionen, verabreicht von zwei Spitex-Pflegerinnen aus seiner Gemeinde. Danach musste er noch längere Zeit Medikamente einnehmen. Die vielen Arzneimittel brachten auch unerwartete Nebenwirkungen mit sich. Sein Geschmackssinn veränderte sich so stark, dass ihm plötzlich Speisen schmeckten, die er früher nie mochte. Georg Sigrist nimmt es mit trockenem Humor: «Das war wenigstens eine positive Nebenwirkung.»
In den ersten zwei Jahren nach der Sepsis richtete er den Blick nach vorn und versuchte, wieder in den Alltag zurückzufinden. Körperlich blieb die Genesung mühsam. Neben einer allgemeinen Schwäche litt Georg Sigrist unter starken Rückenschmerzen. Doch nicht nur der Körper brauchte Zeit. Auch psychisch geriet nach der Sepsis vieles aus dem Gleichgewicht. Georg Sigrist erlebte eine Verletzlichkeit, die ihm zuvor fremd gewesen war. «Ich brach plötzlich bei traurigen Filmen oder beim Anblick fröhlicher Kinder in Tränen aus.» Dazu kamen Ängste im Dunkeln und beim Alleinsein, Schlafstörungen, Alpträume und Angst vor dem Zubettgehen. Er entwickelte Depressionen, die sich für ihn «wie Heimweh» anfühlten, und litt unter hohem Blutdruck.
Was ist Sepsis?
Sepsis ist ein lebensbedrohlicher Notfall, der entsteht, wenn die körpereigene Abwehrreaktion auf eine Infektion das eigene Gewebe und die Organe schädigt. Ohne frühzeitige Erkennung und Behandlung kann sie rasch fortschreiten, zu Organversagen und septischem Schock führen und tödlich enden. Weltweit zählt Sepsis zu den häufigsten Ursachen vermeidbarer Sterblichkeit und Morbidität.
Unsichtbare Folgen
Dann passierte etwas, was Georg Sigrist aus der Bahn warf: Die Flötistin stieg plötzlich aus dem musikalischen Trio aus, der Cembalospieler zog nach Luzern – das eingespielte Trio löste sich plötzlich auf. Und die Musik, die Georg Sigrist Halt gab, fiel weg.
Dass der emotionale Ausbruch mit der Sepsis zusammenhängen könnte, ahnte Georg Sigrist zunächst nicht. Erst rückblickend begann er zu verstehen, dass die Erkrankung nicht nur seinen Körper, sondern auch sein seelisches Gleichgewicht tief erschüttert hatte. Dabei erkannte er auch etwas über sich selbst, das weit zurückreichte. Als Junge, sagt er, sei er sehr emotional gewesen. Später habe er sich einen Schutzmantel zugelegt, um mit Emotionen anders umzugehen. «Nach der Sepsis hatte ich das Gefühl, meinen Schutzmantel verloren zu haben, den ich mir als Kind angeeignet hatte», sagte er.
Dass ihn diese neue Empfindsamkeit so stark belastete, brachte ihn schliesslich dazu, sich Hilfe zu suchen. Er wandte sich an eine Psychotherapeutin. Ein Schritt, der ihn grosse Überwindung kostete. «Es widerspricht meinem Naturell, persönliche Probleme mit anderen zu teilen», sagte er. Um seine Gefühle besser zu verstehen und mit ihnen umgehen zu lernen, ermutigte ihn die Therapeutin, seine Erlebnisse und Gedanken aufzuschreiben. Was zunächst nur für ihn selbst gedacht war, wurde mit der Zeit zu etwas Grösserem. Heute ist Georg Sigrist überzeugt, dass seine Geschichte auch anderen Mut machen kann. Deshalb hat er sie in seinem Buch «Erlebnis Sepsis und mein Weg mit den Langzeitfolgen» festgehalten.
Sepsis kann jeden treffen
Für seine Genesung, sagte Georg Sigrist, sei nicht nur die medizinische Behandlung entscheidend gewesen. Auch seine innere Haltung habe eine wichtige Rolle gespielt. «Mein konsequenter Wille, wieder gesund zu werden, hatte einen grossen Einfluss auf meine Genesung.» Schritt für Schritt fand er zurück in den Alltag. Doch die Sepsis hatte seine Sicht auf das Leben verändert. Vor der Erkrankung habe er kaum darüber nachgedacht, plötzlich sterben zu müssen. Danach sei ihm diese Möglichkeit bewusster geworden. Angst vor dem Tod habe er aber nicht.
Die Ängste und Depressionen sind heute weitgehend verschwunden. «Ich bin immer noch empfindlicher und habe manchmal leichte depressive Verstimmungen», sagte Georg Sigrist. Gerade diese unsichtbaren Folgen zeigen ihm, dass eine Sepsis nicht mit der Entlassung aus dem Spital einfach vorbei ist.
Dass ihn eine Sepsis treffen konnte, beschäftigt ihn bis heute. Denn Georg Sigrist fühlte sich auch nach der Pensionierung geistig und körperlich aktiv, robust und gesund. «Sepsis kann jeden treffen», sagte er. «Ich war nie ernsthaft krank, habe nicht geraucht, hatte keinen Diabetes, keinen Alkohol- oder Drogenkonsum. Ich war also eigentlich kein Risikopatient, ausser dass ich ein Senior bin.» Gerade deshalb ist es ihm wichtig zu zeigen, dass Sepsis auch Menschen treffen kann, die mitten im Leben stehen und sich gesund fühlen.
Seine Botschaft ist klar: Man müsse früher aufmerksam werden – nicht erst dann, wenn alles dramatisch werde. Gerade weil die Symptome anfangs unspezifisch sein könnten, sei es wichtig, Veränderungen ernst zu nehmen. «Man darf nicht erst reagieren, wenn es schon fast zu spät ist», sagte Georg Sigrist. Bei ihm waren die Anzeichen zunächst nicht eindeutig. Die Beschwerden seien dann aber extrem geworden. Georg Sigrists Geschichte ist deshalb beides: eine Warnung und eine Ermutigung. Sie zeigt, wie schnell sich eine vermeintliche Grippe zu einer lebensbedrohlichen Sepsis entwickeln kann. Gleichzeitig verdeutlicht sie, dass frühes Handeln entscheidend sein kann, auch wenn der Weg zurück danach lang bleibt.
Text: Katrin Hürlimann
Foto: Valentina Verdesca