«Das Schlimmste war diese Machtlosigkeit»
Andres war 12 Jahre alt und bis dahin immer gesund. Dann erkrankte er an einer Lungenentzündung – und lag wenige Tage später mit einer Sepsis im künstlichen Koma.
2023 reiste Estefanía Zardon mit ihren vier Söhnen nach Paris, um ein Fussballspiel zu besuchen. Während ihres Aufenthalts wurde der zwölfjährige Andres krank. Auch Estefanía und ihre drei anderen Söhne erkrankten. Zunächst sah alles nach einem gewöhnlichen Infekt aus.
Andres hatte Fieber, einen geröteten, schmerzenden Hals und grippeähnliche Symptome. Es ging ihm sehr schlecht. Da die Familie noch in Paris war, brachte ihn seine Mutter ins Spital. Dort wurde zunächst eine Grippe diagnostiziert. Doch Andres ging es nicht besser. Als die Familie am Samstag nach Hause in die Schweiz zurückkehrte, war er bereits schwer krank. In der Nacht begann er zu halluzinieren. «Er sagte mir, ich sei nicht seine Mutter», erinnert sich Estefanía. «Da wusste ich, dass etwas ganz und gar nicht stimmte.» Am frühen Sonntagmorgen brachte Andres’ Vater ihn ins Spital. Die Ärzte diagnostizierten eine schwere Lungenentzündung, die beide Lungenflügel betraf.
Plötzlich geht alles sehr schnell
Andres musste auf die Kinderintensivstation eines anderen Spitals verlegt werden. Sein Zustand verschlechterte sich weiter. Bereits am Sonntagnachmittag wurde er in ein künstliches Koma versetzt. Die Lungenentzündung hatte zu einer Sepsis geführt – einer gefährlichen Überreaktion des Körpers auf eine Infektion.
Andres benötigte maschinelle Unterstützung seiner Lunge und seines Kreislaufs durch ein ECMO – ein lebenserhaltendes System, das die Lunge vorübergehend unterstützt, indem es dem Blut Sauerstoff zuführt und Kohlendioxid entfernt. Beim Anschluss an die Maschine kam es zu einer Verletzung. In der Folge musste Andres zusätzlich an Herz und Lunge operiert werden.
Estefanía Zardon war selbst noch krank und konnte in der ersten Woche nicht bei ihrem Sohn sein. Aus der Distanz fiel es ihr schwer zu begreifen, wie ernst sein Zustand tatsächlich war. «Ich dachte, er sei im Spital und alles würde wieder gut», sagt die heute 54-Jährige. Andres’ Vater blieb während dieser Zeit bei ihm. Eine Woche später erklärte das Behandlungsteam den Eltern, dass Andres wieder beginnen müsse, selbstständig zu atmen. Andernfalls gebe es keine weiteren Behandlungsmöglichkeiten mehr. Erst da wurde Estefanía bewusst, wie kritisch sein Zustand war. «Das Schlimmste war dieses Gefühl der Machtlosigkeit», sagt sie.
Andres blieb drei Wochen im Koma. Nach dem Aufwachen musste er wegen Nierenproblemen und eines Delirs weiterhin auf der Intensivstation bleiben. Insgesamt verbrachte er rund neun Wochen im Spital. Damals wusste Estefanía nur wenig über Sepsis. Sie hatte den Begriff zwar schon einmal gehört, aber ihr war nicht bewusst gewesen, wie schnell sich aus einer Infektion eine lebensbedrohliche Situation entwickeln kann. «Ich wünschte, ich hätte mehr darüber gewusst. Vielleicht hätte ich früher reagiert.»
Wieder laufen lernen
Nachdem die akute Phase der Erkrankung überstanden war, begann für Andres ein langer Weg zurück. Fast einen Monat verbrachte er in der Rehabilitation. Er hatte stark an Gewicht verloren und musste wieder laufen lernen.
Anfangs war Andres sehr schnell erschöpft. Als er einen Monat nach Abschluss der Rehabilitation wieder zur Schule ging, schaffte er zunächst nur halbe Tage. Die Sepsis hinterliess auch sichtbare Spuren: Andres verlor viele Haare. Die Erfahrung war auch für Estefanía so belastend, dass sie ebenfalls Haarausfall bekam. Bei beiden wuchsen die Haare später wieder nach.
Heute ist Andres 15 Jahre alt, besucht das Gymnasium und führt wieder ein weitgehend normales Leben. Er leidet nicht mehr unter Erschöpfung oder Konzentrationsproblemen. Beim Sport muss er sich jedoch weiterhin einschränken. Andres hat ein ärztliches Attest und nimmt nur an Aktivitäten teil, die er sich zutraut. In grosser Höhe benötigt er zusätzlichen Sauerstoff. Auch die Narben seiner Operationen sind geblieben. «Er geht gut damit um. Er hat es akzeptiert», sagt Estefanía Zardon.
Die Angst vor einer neuen Infektion
Andres’ Erkrankung hat das Familienleben verändert. Vor allem die Sorge, dass er erneut schwer erkranken könnte – und die Angst vor einer weiteren Sepsis – begleitet die Familie bis heute. Erst vor wenigen Wochen musste Andres wegen einer schweren Infektion erneut mehrere Tage im Spital verbringen.
Sein Immunsystem wurde umfassend untersucht. Dabei fanden sich weder Auffälligkeiten noch Hinweise auf eine genetische Ursache, die seine Sepsis erklären könnte. Trotzdem ist die Familie besonders wachsam, sobald Andres krank wird. Die Erfahrung hat Estefania Zardons Blick auf Infektionen verändert. «Eine Sepsis kann jeden treffen. Auch jemanden, der vollkommen gesund ist. Und es kann sehr schnell gehen.»
Ein Tagebuch, um zurückzublicken
An die Wochen im künstlichen Koma kann sich Andres selbst nicht erinnern. Seine Mutter hat jedoch vieles von dem festgehalten, was in dieser Zeit geschah. «Das Pflegepersonal war sehr fürsorglich und unterstützend», erinnert sie sich. Auch ihr selbst half das Schreiben, das Erlebte zu verarbeiten.
Nach seiner Erkrankung fragte sich Andres immer wieder, warum ausgerechnet ihm das passiert war. Eine Freundin von Estefania Zardon gab der Familie damals einen anderen Gedanken mit: Vielleicht würde es auf die Frage «Warum?» nie eine Antwort geben. Stattdessen könnten sie sich fragen: «Wozu?» Dieser Gedanke half Andres, mit dem Erlebten umzugehen. Er konnte sich stärker darauf konzentrieren, was er aus dieser Erfahrung mitnehmen und was er daraus machen konnte.
Heute bedeutet das für Andres, anderen zu helfen, indem er seine Geschichte erzählt und auf Sepsis aufmerksam macht. Auch für Estefania ist das Teilen ihrer Geschichte eine Möglichkeit, dazu beizutragen, dass andere aus dem lernen können, was ihrer Familie widerfahren ist.
Andres ist heute wieder mitten im Leben. Die Sepsis hat Spuren hinterlassen. Doch seinen Alltag bestimmt sie nicht mehr.