«Ich habe nicht gedacht, dass es so kritisch war»
Ein kleiner Kratzer an der Lippe schien Barbara Tinku Mauler zunächst harmlos. Wenige Tage später lag sie mit einer Sepsis im künstlichen Koma. Sie überlebte, verlor aber einen grossen Teil ihres rechten Fusses und die Zehen ihres linken Fusses. Sieben Jahre später kämpft die 52-Jährige mit weiteren Folgen.
Am 10. Juni 2019 hatte Barbara Tinku Mauler frei. Sie sass mit ihrem Hund im Garten, als der Nachbarshund sie zur Begrüssung freudig ansprang. Eine Kralle streifte ihre Lippe, es tat kurz weh und blutete. Danach leckte der Hund kurz über die Stelle. Barbara Tinku Mauler spülte die Wunde aus. «Ich dachte: Jetzt habe ich halt einen weiteren Kratzer», erzählt die seit langem im Tierschutz tätige 52-Jährige. Kurz überlegte sie, ob die Wunde genäht werden müsse.
Etwa eineinhalb Tage später ging es ihr sehr schlecht. «Ich hatte irre Schmerzen, war ungewöhnlich schläfrig und wahrscheinlich schon fiebrig.» Weil sie damals wegen eines Bandscheibenvorfalls starke Medikamente nahm, vermutete sie zunächst darin die Ursache. Doch in der Nacht verschlechterte sich ihr Zustand weiter. Auch am nächsten Tag ging es ihr nicht besser. Sie meldete sich bei ihrer Hausarztpraxis, erhielt dort aber keinen Termin. Als sie im Spital anrief, wurde sie an die Hausarztpraxis verwiesen. Schliesslich brachte eine Arbeitskollegin sie in die Notaufnahme des Spitals. «Ich konnte nur noch schwankend laufen», erinnert sich Mauler.
Zwei Wochen ohne Erinnerung
«Aus Erzählungen weiss ich, dass ich bei meiner Arbeitsstelle angerufen und meine Hundesitterin informiert habe. Und dass ich nach wenigen Stunden ins Koma fiel.» An die Anrufe selbst kann sich Barbara Tinku Mauler nicht erinnern. Nach dem Vorfall mit dem Hund hatte sie ein Selfie gemacht, auf dem der Kratzer zu sehen war. Im Spital war er kaum mehr zu erkennen. Sie dachte nicht mehr daran und erwähnte ihn deshalb nicht. Zunächst war völlig unklar, was ihre schwere Erkrankung ausgelöst hatte. Kurz nach ihrer Ankunft im Spital versagten Leber, Lunge und Nieren.
Weil eine Lebertransplantation nötig werden könnte, wurde Mauler ins Universitätsspital verlegt. Dort lag sie rund 14 Tage im künstlichen Koma. Ihre Mutter und ihre Schwester reisten aus Österreich an, weil ihr Zustand so kritisch war. «Man sagte ihnen, meine Überlebenschancen seien zehn Prozent », erinnert sie sich. Nun kam auch der Kratzer an der Lippe zur Sprache, und ein Bakterium, das Hunde und Katzen im Mund haben, wurde nachgewiesen. Der Kratzer war somit als ursprüngliche Ursache identifiziert.
Barbara Tinku Maulers Leber erholte sich, und sie wurde ins Kantonsspital in ihrem damaligen Wohnkanton verlegt. Ein grosser Teil des rechten Fusses und die Zehen des linken Fusses mussten schliesslich amputiert werden. Insgesamt verbrachte Barbara Tinku Mauler etwa zwei Monate im Spital. Wie nah sie dem Tod gewesen war, konnte sie zunächst kaum fassen: «Ich habe gar nicht gedacht, dass es so kritisch war.» Während der schwersten Zeit hatte sie im Koma gelegen und nichts davon mitbekommen.
Essen und Gehen neu lernen
Im Spital brauchte Barbara Tinku Mauler eine Dialyse: Ein Gerät übernahm einen Teil der Arbeit ihrer Nieren. Einen Tag vor dem Übertritt in die Rehabilitation erholten sich die Nieren so weit, dass sie diese Behandlung nicht mehr benötigte. In der Rehabilitation kam sie schliesslich im Rollstuhl an. In den zwei Monaten, die sie dort verbrachte, lernte sie wieder selbst zu gehen. Auch essen musste sie von Grund auf neu lernen. In der Rehabilitation hatte sie ein klares Ziel: Sie wollte wieder in der Pflege arbeiten, in ihrem bisherigen Beruf. Mit der Zeit musste sie aber erkennen, dass schon die Bewältigung des Alltags ihre ganze Kraft verlangte.
Viele Einschränkungen blieben. Barbara Tinku Mauler berichtet von Problemen mit der Lunge, von Nervenschäden und einer Hörbeeinträchtigung. Seit der Sepsis fehlt ihr das Hungergefühl; sie ist stark untergewichtig. «Die massive körperliche Schwäche setzt mir am meisten zu.» Beim Gehen braucht sie Stöcke oder einen Rollator.
Dazu kommen Schwierigkeiten, die von aussen unsichtbar sind. Zahlen, Daten und Uhrzeiten bereiten ihr Mühe. Ihre Konzentration reicht manchmal nicht aus, um eine Bedienungsanleitung zu lesen. Sie hat Schlafstörungen. Erinnerungsbilder und Träume aus der Zeit im Koma belasten sie bis heute (« Flashbacks »). Sie kann manchmal nicht zwischen Traum und Realität unterscheiden. «Arztbesuche sind für mich wirklich schlimm. Ich habe lernen müssen, dem Pflegepersonal immer zu sagen, was ich erlebt habe, damit sie mehr Verständnis für meine Ängste haben», erzählt Barbara Tinku Mauler. Psychiatrische Unterstützung hilft ihr, damit umzugehen.
Der lange Kampf danach
Barbara Tinku Mauler kann seit der Sepsis nicht mehr arbeiten. Sieben Jahre dauerte es nach ihren Angaben, bis sie einen Entscheid der Invalidenversicherung (IV) erhielt. «Ich habe sieben Jahre für eine IV-Rente gekämpft. Das hat mir die letzten Kräfte genommen.» Erst seit dem Entscheid hat sie das Gefühl, das Erlebte überhaupt verarbeiten zu können.
Mit der Arbeit verlor sie auch den regelmässigen Kontakt zu ihren Arbeitskolleginnen und -kollegen. Weil sie eine Wohnung in einem Erdgeschoss braucht, musste sie umziehen. Vertraute Menschen aus ihrer früheren Nachbarschaft sieht sie seither nicht mehr im Alltag. Auch bei gemeinsamen Spaziergängen mit anderen Hundebesitzerinnen und -besitzern kann sie mit dem Tempo nicht mehr mithalten. «Seit dem Umzug bin ich schon sehr einsam», sagt sie. Um Hilfe zu bitten, fällt ihr schwer. «Ich habe eigentlich immer für alle anderen alles gemacht, und heute bin ich alleine. Das tut verdammt weh.»
Bei all den Verlusten ist jedoch auch eine Freundschaft entstanden, die bis heute geblieben ist: Ihre damalige Hundesitterin wurde zu einer engen Freundin und ist weiterhin für sie da. «Sie ist für mich jemand ganz Besonderes», sagt Mauler.
Tiere sind für Barbara Tinku Mauler weiterhin sehr wichtig. Auch ihr damaliger Hund starb vor zwei Jahren an einer Sepsis. Inzwischen hat sie zwei neue Hunde. «Sie geben mir einen Grund, am Morgen aufzustehen», sagt sie.
Mauler wünscht sich, dass von Sepsis betroffene Menschen auch nach dem Spitalaufenthalt die Unterstützung finden, die sie brauchen. Sie selbst habe lange nach Hilfe und Austausch mit anderen Betroffenen gesucht. Sie hofft, dass künftig mehr Unterstützung für Menschen entsteht, die mit den Folgen einer Sepsis leben. Für sich versucht sie, der Sepsis einen Sinn zu geben: «Es war für mich wie ein Warnsignal, das Leben zu geniessen. Es ist irgendwann vorbei.»
Tiere sind für Barbara Tinku Mauler weiterhin sehr wichtig. Auch ihr damaliger Hund starb vor zwei Jahren an einer Sepsis. Inzwischen hat sie zwei neue Hunde. «Sie geben mir einen Grund, am Morgen aufzustehen», sagt sie.
Mauler wünscht sich, dass von Sepsis betroffene Menschen auch nach dem Spitalaufenthalt die Unterstützung finden, die sie brauchen. Sie selbst habe lange nach Hilfe und Austausch mit anderen Betroffenen gesucht. Sie hofft, dass künftig mehr Unterstützung für Menschen entsteht, die mit den Folgen einer Sepsis leben. Für sich versucht sie, der Sepsis einen Sinn zu geben: «Es war für mich wie ein Warnsignal, das Leben zu geniessen. Es ist irgendwann vorbei.»