«Irgendwas stimmt nicht»
An die Intensivstation erinnert sich Luis (11) kaum. Seine Mutter Manuela Heymer (51) erinnert sich dagegen sehr genau an die Tage davor: an das hohe Fieber, den Schüttelfrost und das zunehmende Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Wenig später wurde bei Luis eine Sepsis festgestellt.
Im Februar 2023 erkrankte der damals achtjährige Luis an Windpocken. Zunächst war das kein Grund zur Sorge. Die Pusteln juckten etwas, ansonsten war er fit. Die Familie fuhr, wie geplant, in die Ferien ins Wallis. Die Windpocken waren am Abklingen. «Ich wollte mit meinem Vater Skifahren», erinnert sich Luis. «Wir haben keinen Parkplatz gefunden – und dann wurde ich plötzlich mega fest krank.» Er bekommt Fieber. Erst 39 Grad, in der Nacht dann über 40 Grad. «Ich dachte einfach, es ist hohes Fieber», erinnert sich Luis. Dass etwas anderes dahinterstecken könnte, damit rechnete er nicht.
Da das Fieber trotz Medikamenten nicht sank, fuhren seine Eltern mit ihm noch in der Nacht ins nächstgelegene Spital. Luis wurde untersucht, die Familie kehrte mit weiteren fiebersenkenden Medikamenten in die Ferienwohnung zurück. Doch das Fieber blieb hoch. In der folgenden Nacht bekam Luis heftigen Schüttelfrost. «So etwas hatte ich noch nie gesehen», sagt seine Mutter, Manuela Heymer. Die Familie fuhr erneut ins Spital, doch auch diesmal schien zunächst nichts auf eine schwere Erkrankung hinzudeuten.
Das ungute Gefühl bleibt
Luis ging es immer schlechter. Seine Beine taten ihm weh, schliesslich konnte er kaum mehr laufen. Die Familie suchte erneut ärztliche Hilfe. Ein Kinderarzt am Ferienort stellte deutlich erhöhte Infektionszeichen fest, Luis erhielt ein Antibiotikum. Für Manuela Heymer schien es zunächst, als hätten sie endlich eine Erklärung gefunden.
Doch in der Nacht entwickelte Luis einen Ausschlag am ganzen Körper. Hinzu kam ein schmerzender Bluterguss am Arm. Seine Mutter wurde zunehmend unruhig: «Ich hatte so ein ungutes Gefühl. Ich fand: Irgendwas stimmt nicht.» Sie beschlossen, sofort nach Hause zurückzukehren.
Noch auf der Heimfahrt rief die Familie in der Kinderarztpraxis an und bekam einen Termin. Dort zog die Kinderärztin Luis die Socken aus, um ihn zu untersuchen. An seinen Knöcheln waren kleine punktförmige Einblutungen zu sehen, sogenannte Petechien. «In diesem Moment wusste ich, es ist nicht mehr gut», erzählt Manuela Heymer. Sie arbeitet selbst im Gesundheitswesen und weiss, dass Petechien ein ernstes Warnzeichen sein können. Die Kinderärztin mass zusätzlich Luis’ Blutdruck. Er war viel zu tief. Sie rief umgehend den Rettungsdienst.
Mit Blaulicht ging es ins Spital. Vom Notfall kam Luis direkt auf die Intensivstation. Dort wurde die Diagnose Sepsis gestellt. «Es war höchste Zeit», erinnert sich Manuela an die Einschätzung des Behandlungsteams. Sie fühlte sich endlich ernst genommen – und fürchtete gleichzeitig, dass die Hilfe zu spät kommen könnte. «Ich dachte nur: Hoffentlich ist es noch rechtzeitig.»
Luis brauchte Medikamente, um seinen Kreislauf zu unterstützen. Auch Niere und Leber waren betroffen. Drei Tage blieb er auf der Intensivstation. An diese Zeit erinnert sich Luis kaum. Ein kurzer Eindruck ist geblieben: Er liegt auf einer Liege, sehr viele Menschen stehen um ihn herum. «Gefühlt waren das vielleicht zwei Sekunden.» Erst auf der normalen Bettenstation setzen seine Erinnerungen wieder ein.
Was ist Sepsis?
Sepsis ist ein lebensbedrohlicher Notfall, der entsteht, wenn die körpereigene Abwehrreaktion auf eine Infektion das eigene Gewebe und die Organe schädigt. Ohne frühzeitige Erkennung und Behandlung kann sie rasch fortschreiten, zu Organversagen und septischem Schock führen und tödlich enden. Weltweit zählt Sepsis zu den häufigsten Ursachen vermeidbarer Sterblichkeit und Morbidität.
Die ersten Schritte
Insgesamt blieb Luis ungefähr vier Wochen im Kinderspital. Der Bluterguss am Arm musste operiert werden. Das Behandlungsteam entfernte dabei abgestorbenes Gewebe. Das war der einzige Moment, in dem Luis Angst hatte. «Ich hatte Angst, nicht mehr aufzuwachen», erzählt er. Im weiteren Verlauf kamen zusätzliche Infektionen hinzu. Er war während des Spitalaufenthalts isoliert. Seine Eltern und seine Schwester durften ihn besuchen, andere Besuche waren nicht möglich.
In guter Erinnerung sind Luis die Pflegefachpersonen geblieben. «Sie waren sehr nett.» Einer war wie Luis Bayern-Fan, und einmal durfte er für fünf Minuten im Stationszimmer ein Fussballspiel schauen. Die Sepsis hatte bei Luis eine Störung der Bewegungskoordination ausgelöst. Noch im Spital musste er das Gehen neu üben. Als eine Ärztin sehen wollte, wie sicher er schon wieder auf den Beinen war, stand das Team Spalier. «Als ich den ersten Schritt machen konnte, haben alle applaudiert. Das war mega schön.»
Bei plötzlicher Verschlechterung Hilfe holen
Nach ungefähr vier Wochen durfte Luis im Rollstuhl nach Hause. Er erholte sich schnell, ging regelmässig zur Physiotherapie und kehrte schrittweise in die Schule zurück. Zunächst besuchte er den Unterricht nur stundenweise, die Konzentration fiel ihm noch schwer. Nach ungefähr zwei Monaten ging er wieder regulär zur Schule. «Da habe ich mich wieder normal gefühlt, erinnert sich Luis». Die Nachuntersuchung rund drei Monate nach der Erkrankung war unauffällig. Heute ist Luis gesund.
Manuela erinnert sich vor allem an das ungute Gefühl, das sie während Luis’ Erkrankung immer wieder begleitete: Irgendetwas stimmt nicht. Dabei hatte die Familie mehrfach medizinische Hilfe gesucht. Ihre wichtigste Erfahrung daraus: dem eigenen Bauchgefühl zu vertrauen und erneut medizinische Hilfe zu suchen, wenn sich der Zustand eines Kindes plötzlich deutlich verschlechtert.