«Schnelles Handeln hat mein
Leben gerettet»
Im Juli 2021 erkrankte Simonetta Angelucci an einer Sepsis. Alle Organe versagten, zehn Tage lag sie im künstlichen Koma. Als sie erwachte, war sie vor allem dankbar: Sie lebte, hatte ihre Leber noch – und konnte denken.
Von der Fahrt ins Spital weiss Simonetta Angelucci nichts mehr. Ihre letzte Erinnerung ist die Arztpraxis. Sie sass dort in einem elenden Zustand, zitterte heftig, hatte 41 Grad Fieber und war so schwach, dass sie kaum noch auf den Beinen stehen konnte. Ein solch heftiges Krankheitsgefühl hatte sie bisher noch nie.
Als sie das nächste Mal bewusst wahrnahm, was um sie herum geschah, lag sie auf einer Intensivstation. Zehn Tage waren vergangen. «Mein erster Gedanke war: Wow, ich bin doch aus dem Koma erwacht.» Dann kam der zweite: Ihre Leber war noch da. Wie ihr ihre Angehörigen später erzählten, hatte sie ihnen vor dem Koma noch gesagt, dass sie im Fall einer notwendigen Lebertransplantation einer solchen zustimmen würde. Sie selbst kann sich daran nicht erinnern. Und schliesslich stellte sie erleichtert fest: «Ich kann denken.»
Plötzlich ein Notfall
Simonetta Angeluccis Erinnerung setzt in der Arztpraxis aus. Begonnen hatte alles Monate zuvor mit gesundheitlichen Problemen. Innerhalb von drei Monaten hatte Simonetta Angelucci drei Darmentzündungen. Im Juli 2021 erhielt sie deshalb eine Infusion in einer Arztpraxis. «Als die Infusion abgehängt wurde und ich aufstand, fühlte ich mich schon nicht mehr gut», erzählt die 65-Jährige. Ihre Beine waren schwach, sie zitterte heftig. Eine halbe Stunde später mass der Arzt 41 Grad Fieber. Er erkannte sofort, dass es sich um einen Notfall handelte und rief die Ambulanz. «Sein schnelles Handeln hat mir das Leben gerettet.»
Im Regionalspital stellte sich heraus: Simonetta Angelucci hatte eine Sepsis. Die Infusion war mit Bakterien verunreinigt gewesen und hatte eine schwere Infektion ausgelöst. Am nächsten Morgen verschlechterte sich ihr Zustand dramatisch, alle Organe versagten. Per Helikopter wurde sie ins Universitätsspital Zürich verlegt und dort an eine Herz-Lungen-Maschine (ECMO) angeschlossen. Diese übernimmt vorübergehend einen Teil der Arbeit der Lunge und, je nach Verfahren, auch des Herzens. So können Herz und Lunge entlastet werden und Zeit bekommen, sich zu erholen.
Was ist Sepsis?
Sepsis ist ein lebensbedrohlicher Notfall, der entsteht, wenn die körpereigene Abwehrreaktion auf eine Infektion das eigene Gewebe und die Organe schädigt. Ohne frühzeitige Erkennung und Behandlung kann sie rasch fortschreiten, zu Organversagen und septischem Schock führen und tödlich enden. Weltweit zählt Sepsis zu den häufigsten Ursachen vermeidbarer Sterblichkeit und Morbidität.
Zurück auf die eigenen Beine
Simonetta Angelucci wurde ins künstliche Koma versetzt. Bei einem künstlichen Koma wird eine Person mit Medikamenten in einen tiefen Schlaf versetzt. So können lebenswichtige Behandlungen durchgeführt werden, etwa eine künstliche Beatmung.
Als sie aus dem Koma erwachte, war sie an Schläuche angeschlossen. Sie konnte weder sprechen noch sich bewegen. «Angst hatte ich keine. Ich spürte einfach nur Dankbarkeit, dass ich wieder aufgewacht bin.» Kraft gaben ihr die vielen Fotos ihrer Familie, die das Pflegepersonal rund um ihr Bett an Stellwänden angebracht hatte. Sie erinnerten sie an die Menschen, für die sie wieder gesund werden wollte.
Insgesamt verbrachte Simonetta Angelucci drei Wochen im Spital. Am schwersten war für sie die vollständige Abhängigkeit von anderen. Ihre Muskeln waren so schwach, dass sie nichts selbstständig machen konnte. Etwa eine Woche nach dem Koma wagte sie im Spital mit einem Rollator die ersten Schritte. Und sie war auf eine Dialyse angewiesen: Wenn die Nieren das Blut nicht mehr ausreichend reinigen können, übernimmt ein Dialysegerät einen Teil dieser Aufgabe.
Im Rollstuhl kam sie in die Rehaklinik. Dort arbeitete sie weiter daran, ihren Körper zurückzugewinnen: aufstehen, gehen, Kraft aufbauen. «Ich hatte an jedem einzelnen Schritt eine riesige Freude.» Fünf Wochen später konnte sie die Klinik verlassen. Eine Freundin holte sie ab. Den Rollstuhl, in dem sie angekommen war, brauchte sie nicht mehr. «Ich bin tanzend aus der Reha gekommen», erzählt sie. «Die Freude war so riesig, dass ich auf meinen eigenen Beinen dort rausgehen konnte.»
Unsichtbare Folgen
Die Sepsis war überstanden. Doch die Folgen blieben: Ihre Nieren hatten sich zwar so weit erholt, dass Simonetta Angelucci keine Dialyse und keine entsprechenden Medikamente mehr benötigt. Eine eingeschränkte Nierenfunktion war jedoch geblieben. Hinzu kam, dass einige Fähigkeiten des Gehirns nicht mehr so gut funktionierten wie vorher. «Ich werde schneller müde, kann mich weniger lange konzentrieren und habe nicht mehr dieselbe Energie wie vor der Sepsis.»
Viele dieser Folgen sind von aussen nicht sichtbar. Simonetta Angelucci erlebte, wie wenig bekannt ist, dass eine Sepsis auch lange nach der akuten Erkrankung körperliche und psychische Folgen haben kann. «Man sieht mir nicht an, womit ich bis heute zu kämpfen habe.»
Nach Spital und Reha blieben für Simonetta Angelucci viele Fragen offen: Was durfte sie essen? Worauf musste sie wegen ihrer Nieren achten? Welche Folgen konnte die Sepsis langfristig haben? Wie sollte sie mit ihrer geringeren Belastbarkeit umgehen? Vieles organisierte sie deshalb selbst: Ernährungsberatung, Physiotherapie und weitere Angebote, die sie bei ihrer Genesung unterstützten. Ein Jahr nach der Sepsis kaufte sie sich einen Hund. «Er zwingt mich, aus dem Haus zu gehen und in Bewegung zu bleiben», erzählt sie schmunzelnd.
Auch die Rückkehr in den Beruf brauchte Zeit. Acht Monate war sie vollständig krankgeschrieben. Danach begann sie mit einem Pensum von 40 Prozent zu arbeiten, später erhöhte sie auf 60 Prozent. Der Versuch, auf 80 Prozent zu steigern, funktionierte nicht. Sie musste wieder reduzieren.
Grosse Dankbarkeit
Heute blickt Simonetta Angelucci mit grosser Dankbarkeit auf ihren Weg zurück, auch wenn Folgen geblieben sind. «Ich hatte extremes Pech, aber auch extremes Glück», sagt sie. Pech, dass sie eine verunreinigte Infusion erhalten hat. Glück, dass sie trotz der Schwere der Erkrankung zum Beispiel keine Gliedmassen verloren hat. «Wenn ich mich mit anderen Betroffenen vergleiche, ist mir bewusst, wie gut ich davongekommen bin.»
Auf dem langen Weg zurück halfen Simonetta Angelucci ihr positives Denken, ihr Kampfgeist und ihre Spiritualität. Ebenso wichtig war ihre Familie, die während ihrer schwersten Tage für sie da war. Auch eine Haltung aus ihrer sportlichen Vergangenheit passt für sie zu ihrer Genesung: «Der Match ist erst verloren, wenn er fertig ist.»
Für Simonetta Angelucci dauerte dieser Match lange. Von 41 Grad Fieber und dem Versagen aller Organe führte ihr Weg über zehn Tage im Koma und die ersten Schritte am Rollator zurück auf die eigenen Beine. Die Reha verliess sie tanzend. Ein besonderer Moment – doch mit den Folgen der Sepsis lebt sie bis heute.